Zurückspulen in die Zukunft

Warum die Kassette wieder da sind

Wenn man heute über die Rückkehr der Kassette spricht, kommt man kaum daran vorbei, sie in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Vinyl boomt seit Jahren – und nein, dieser Boom flacht nicht wirklich ab. Analoge Fotografie erlebt ein Revival, obwohl Film teuer ist, Entwicklung Zeit braucht und Fehler nicht per Klick korrigiert werden können.

Und nun ist auch die Kassette wieder da. Nicht als Massenmedium, sondern als bewusst gewähltes Gegenstück zur digitalen Dauerverfügbarkeit.

Mehr als nur Nostalgie

Was wir hier beobachten, ist mehr als ein kurzer Retro-Trend. Es ist ein „Back to the Roots“ – ein leises, aber spürbares Bedürfnis nach Entschleunigung. Gerade eine Generation, die komplett digital aufgewachsen ist, scheint genug zu haben von „immer, sofort und überall“. Musik, Bilder, Informationen: alles permanent verfügbar, alles austauschbar. Psychologisch führt diese Reizüberflutung nicht zu mehr Freiheit, sondern oft zu Überforderung.

Analoge Medien setzen Grenzen. Und genau diese Grenzen wirken befreiend. Eine Schallplatte hat zwei Seiten. Ein Film 36 Aufnahmen. Eine Kassette 60 oder 90 Minuten. Jede Entscheidung zählt. Man hört bewusster, fotografiert überlegter, konsumiert langsamer. Achtsamkeit entsteht hier nicht als abstrakter Lifestyle-Begriff, sondern ganz praktisch – durch die Art, wie das Medium funktioniert.

Hinzu kommt der Wunsch nach etwas Echtem. Vinyl knistert (ausser man wäscht sie), Band rauscht (je nach Qualität), Film hat Korn. Unperfektheiten, die früher als Mangel galten, wirken heute beruhigend. In einer durchoptimierten, algorithmisch gesteuerten Welt fühlt sich das Analoge menschlicher an.

Das Ritual des Mixtapes

Und dann ist da noch der soziale Aspekt. Wie cool war es damals™ , sein eigenes Mixtape aufzunehmen? Stundenlang vor dem Kassettendeck zu sitzen, den richtigen Moment abzupassen, REC und PLAY gedrückt zu halten, den Finger nervös über der Pausetaste. Jeder Song bewusst gewählt, jede Reihenfolge durchdacht. Und natürlich der grosse Moment, dem Schwarm eine Kassette zu schenken. Eine handgeschriebene J-Card, ein Name, vielleicht ein Herz. Ein Mixtape war nie nur Musik – es war eine Botschaft, Zeit und Aufmerksamkeit.

Bild ohne Beschreibung

Ein Fazit zur Entschleunigung

Dass Firmen wie Revox wieder in die Produktion einsteigen, schmälert die Romantik nicht – es validiert sie. Es zeigt, wie stark dieser Wunsch nach Materialität tatsächlich ist.

Die Rückkehr von Vinyl, Kassette und Film ist deshalb kein Rückschritt. Sie ist eine Korrektur. Ein Versuch, das Gleichgewicht wiederzufinden – zwischen digitalem Komfort und analoger Erfahrung. Zwischen Geschwindigkeit und Tiefe. Zwischen Technik und Mensch. Vielleicht geht es am Ende gar nicht um das Medium selbst. Sondern um die Sehnsucht, wieder näher bei sich zu sein. Und mit einer frischen Kassette im Deck fällt das definitiv leichter.

Der Preis der Romantik

Doch bei aller Liebe zum Rauschen darf man eines nicht ausblenden: Diese Rückkehr wird massiv von der Industrie getragen. Und sie tut das nicht aus reiner Nächstenliebe oder Idealismus. Vinyl, Film und nun auch hochwertige Kassetten sind mittlerweile margenstarke Nischenprodukte. Der Umsatz, der mit diesen „analogen Trends“ generiert wird, ist enorm.

Alte Maschinen werden reaktiviert, neue Manufakturen aufgebaut, Premiumpreise etabliert. Die Industrie hat erkannt, dass Kunden bereit sind, für das „echte Gefühl“ tief in die Tasche zu greifen – und bedient dieses Bedürfnis geschickt. Wer heute analog kauft, zahlt oft einen Liebhaber-Aufschlag

Ein ganz persönliches Fazit

Auch mich hat das Fieber vor gut 10 Jahren schon einmal gepackt. Neben meiner Vinylsammlung fing ich an, Tapes zu horten. Es war weniger die Musikqualität an sich, die mich reizte, sondern das „Machen“: Die Mechanik der Klappe, das haptische Feedback der Tasten, und vor allem das akribische Einpegeln  vor der Aufnahme. Drei Tapedecks nannte ich abwechselnd mein Eigen.

Mittlerweile ist diese Sammlung wieder Geschichte. Die Decks sind verschwunden, die Tapes bis auf einen harten Kern von etwa 20 Stück verkauft oder verschenkt. Doch das Thema lässt mich nicht ganz los. Würde mir heute ein absolutes Traumdeck – wie etwa ein legendäres Nakamichi Dragon – über den Weg laufen, wäre ich sofort bereit, den Versuch noch einmal zu wagen (aber die aufgerufenen Preise sind inakzeptable ).

Es bleibt spannend zu beobachten, wie lange es dauert, bis die Industrie merkt, dass man hier nicht nur mit Bändern Geld verdienen kann. Nach der Wiederbelebung der grossen Bandmaschinen wäre es nur logisch, wenn auch hochwertige Kassettendecks eine Neuauflage erleben. Bis dahin bleiben uns die Flohmärkte – und jetzt immerhin wieder frisches Bandmaterial von Revox.


Grund für den Text: Revox liefert den analogen Treibstoff

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