Es gibt Dinge, die in der Film- und Fernsehproduktion als gesetzt galten: Kameras sollen nicht wackeln, Schnitte nicht abgehackt wirken, Mikrofone sollen – Überraschung – unsichtbar sein.
Das war einmal. Willkommen im Internet 2025, wo absichtlich alles amateurhaft aussehen muss, damit es als „authentisch“ durchgeht.
Das neueste Symptom dieser kollektiven Selbstverblödung: Politikerinnen und Politiker halten plötzlich Ansteckmikrofone in die Kamera. Nicht am Revers, nicht unauffällig befestigt, nein – in der Hand wie ein Requisite für’s Grundschultheater. Natürlich klingt das dann auch so: übersteuert, mit Poppgeräuschen, Zischlauten, und alles, was man eigentlich vermeiden wollte. Aber hey – es sieht nach TikTok aus, und das zählt mehr als der Ton.
Ursprung? Natürlich TikTok. Dort hat man schon vor Jahren angefangen, Apple-Kabelmikros wie eine Standleuchte vor den Mund zu halten. Ergebnis: furchtbarer Klang, aber dafür Millionen Views. Das Lavalier-Mikrofon auf einem Kochlöffel? Klassiker. „Interviewt“ wurden Katzen, Nachbarn, Haustüren. Irgendwann wurde aus dem Gag eine Bildsprache, ein visuelles Meme, das jetzt so fest zur Gen-Z gehört wie der Jump-Cut in den 2010ern.
Und – weil Trends nie dort bleiben, wo sie hingehören – ist das Ganze nun in der Politik angekommen. Ricarda Lang tanzt, kontert CSU-Vorwürfe und hält dabei stolz ihr Rode-Funkmikro in die Kamera. Konstantin Kuhle erklärt die Sicherheitslage mit Zisch- und Pustgeräuschen. Die Grünen geben sogar zu: Das ist Absicht. Man wolle „den Ton und die Bildsprache der Plattform treffen“. Übersetzt heisst das: Wir tun so, als wären wir spontan, damit ihr uns glaubt, dass wir echt sind.
Die Pointe: Ausgerechnet in einer Zeit, in der Kameras hochauflösender, Schnittsoftware smarter und Mikrofone günstiger sind als je zuvor, entscheiden wir uns kollektiv dafür, die Illusion von Schlampigkeit zu kultivieren. Content Creator und Politiker wollen nahbar wirken – und weil echte Nahbarkeit kompliziert wäre, wird sie einfach gespielt.
Das Internet ist damit endgültig kaputt: Wir diskutieren nicht mehr über Inhalte, sondern über Inszenierungen. Statt um das Gesagte geht es darum, wie „authentisch“ jemand aussieht – selbst wenn das Ergebnis schlechter Ton und kalkuliertes Chaos ist.
Fazit: Das Mikrofon in der Hand ist nicht nur ein Symbol für „Ich hab was zu sagen“ – es ist das ultimative Symbol für die Ästhetik des Absurden. Wir halten uns selbst vors Gesicht, wie dämlich wir uns mittlerweile vorkommen müssten. Und anstatt den Trend einfach sterben zu lassen, machen alle mit, weil sie Angst haben, sonst nicht „plattformgerecht“ zu wirken. Willkommen im Zeitalter, in dem Professionalität das neue Uncool ist – und schlechter Ton ein politisches Statement.
via www.rnd.de/digital/warum-politiker-je…
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