Warum ich meine 12000-Franken-Ausrüstung zu Hause lasse – und mit einem 140-Franken-Oldtimer glücklicher bin

Jeder, der mich kennt, weiss: Ich liebe mein Equipment. In meinem Schrank wohnt eine Nikon D850, und seit kurzem leistet ihr auch eine legendäre, uralte Nikon D3X Gesellschaft. Dazu kommen Objektive, die oft mehr wiegen als ein Neugeborenes – mehrere Kilo pures Glas und Metall für das perfekte Bild. Ich liebe die Qualität, die Schärfe, die Möglichkeiten.

Aber ich hasse das Gewicht.

Es gibt unzählige Momente, in denen ich meinen Fotorucksack seufzend zu Hause lasse. Eine spontane Feierabendrunde mit dem Motorrad durch die Bündner Berge. Ein gemütlicher Spaziergang am Rhein entlang. Momente, in denen das Mitschleppen von fünf Kilo Ausrüstung einfach nur absurd wäre.

Was also tun? Das Handy zücken? Klar, mein iPhone 16 macht sicher technisch brillante Fotos. Aber wir kennen es alle: Man sieht ihnen den „Handy-Look“ oft an. Alles ist zu scharfgezeichnet, Randunschärfe bei Ultraweitwinkel, der Hintergrund künstlich weichgezeichnet, der Himmel manchmal etwas zu blau. Es fehlt oft das, was ich die fotografische Seele nenne.

Ich brauchte also eine Lösung. Etwas Kleines. Etwas Leichtes. Etwas mit Charakter.

Die Suche nach dem perfekten Kompromiss

Ich begann, den Gebrauchtmarkt für hochwertige Kompaktkameras zu durchforsten. Eine Sony RX100? Eine Canon G7 X? Sicher, für 500+ Franken hätte ich da was richtig Gutes bekommen. Aber dann kam der Gedanke, der alles veränderte: Wozu?

Wozu brauche ich eine technisch hochgezüchtete Kompaktkamera, wenn zu Hause eine D850 auf die „ernsthaften“ Einsätze wartet? Ich suche keinen Ersatz, ich suche eine Ergänzung. Eine für die Hosentasche. Eine, bei der es nicht wehtut, wenn sie auf einer Tour mal einen Kratzer abbekommt.

Wer, wie ich, kürzlich eine „uralte“ Nikon D3X in die Hand genommen hat, weiss, wovon ich spreche. Was dieser alte Sony-Sensor von 2008 für Farben und für eine Bildanmutung zaubert – einfach fantastisch. Es hat mich daran erinnert, dass „neuer“ nicht immer „besser“ bedeutet. Manchmal bedeutet es nur „anders“.

Der Fund: Ein Stück Vintage-Liebe für 140 Franken

Und dann fand ich sie. Eine Nikon Coolpix P7100 aus dem Jahr 2011. Nikons damaliges Flaggschiff im Kompaktbereich. Grosser Sensor (für damalige Verhältnisse), volle manuelle Kontrolle, RAW-Format und mehr Knöpfe und Rädchen, als manche moderne Kamera besitzt.

Das Beste daran? Der Preis. 140 Franken.

Für 140 Franken habe ich jetzt eine Kamera, die genau das erfüllt, was ich will:

  1. Sie ist immer dabei. Sie passt in die Jackentasche meiner Töff-Jacke und fällt beim Spazieren nicht ins Gewicht.
  2. Sie macht „echte“ Fotos. Die Bilder haben Charakter. Der CCD-Sensor liefert wunderschöne Farben bei Tageslicht. Die Bilder sind nicht klinisch perfekt, sie leben.
  3. Sie macht Spass. Statt im Touchscreen-Menü zu wischen, drehe ich an einem echten Rad für die Belichtung. Es fühlt sich an wie richtiges Fotografieren. Es entschleunigt.
  4. Sie ist sorglos. Wenn diese Kamera im Eifer des Gefechts einen Stoss abbekommt, ist es ein 140-Franken-Problem, kein 500-Franken-Drama.

Sicher, sie ist langsam. Sicher, bei wenig Licht kann sie nicht mit modernen Sensoren mithalten. Aber für einen sonnigen Schnappschuss auf dem Pass? Perfekt.

Es ist eine bewusste Entscheidung gegen das Wettrüsten. Eine Entscheidung für den Spass an der Fotografie, für den Moment und für das Gefühl, ein Werkzeug in der Hand zu haben, das Charakter hat. Genau wie mein Motorrad. Genau wie die Berge, durch die ich fahre.

Manchmal ist die beste Kamera eben nicht die mit den meisten Megapixeln, sondern die, die eine gute Geschichte erzählt – und dabei den Geldbeutel schont.

Funfact: Ausserdem erinnert sie mich an eine Contax G2 – (m)ein analoger Traum aus vergangenen Tagen.

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