Gendern: Danke, Thomas – aber hier sehen wir die Dinge anders
Ich will gar nicht um das Thema 2 Geschlechter diskutieren – das hat mit Gendern erstmal nichts zu tun.
Sprache ist kein Experimentierfeld
Das ist doch Quatsch. Sprache ändert sich ständig und ist ein einziges Experimentierfeld. Wäre sie das nicht, würden wir noch immer Reden wie vor dem Mittelalter, dann gäbe es keine Bezeichnungen für Vieles im Alltag.
Ich sehe Gendern als einen Inklusionsversuch. Eben, weil viel zu selten „Leser und Leserin“ geschrieben wird, weil es vergessen wird.
Und dann denke ich zudem: Lass doch die Menschen experimentieren. Du musst es nicht nutzen, du kannst es ignorieren – aber verbieten ist einfach das, was „1984“ beschreibt, eine Sprachpolizei brauchen wir nun nicht. Ob jemand „das nicht mag ist doch am Ende sekundär – Jugendsprache mögen alte Menschen nun auch nicht (schon immer) und manchmal setzt sie sich durch, manchmal nicht – Digga, Geil und Co lassen grüssen.
Niemand zwingt dich es zu machen – witzigerweise gibt es ja kein Gesetz, dass du es nutzen musst, wohl aber welche, die es verbieten … da frage ich mich dann schon, wie man dann noch von „Freiheit“ reden mag, nur weil einem ein paar Schreibweisen nerven.
Vielen Dank an den Leser Thomas für seinen ausführlichen und kritischen Kommentar zu meinem Beitrag. Eine lebhafte Diskussion ist genau das, was ich mir wünsche – sie zeigt, dass Sprache uns nicht kaltlässt. Und das ist gut so.
Thomas, du sprichst einige interessante Punkte an, die ich gerne aufgreife – nicht, um zu streiten, sondern um den Kern der Sache offen zu benennen.
Ist Sprache ein Experimentierfeld?
Du schreibst: „Sprache ist kein Experimentierfeld. Das ist doch Quatsch. Sprache ändert sich ständig und ist ein einziges Experimentierfeld.“
Hier liegt aus meiner Sicht ein entscheidendes Missverständnis vor. Ja, Sprache entwickelt und verändert sich – das ist unbestreitbar. Aber diese Entwicklung ist organisch. Sie wächst von unten nach oben, aus dem täglichen Gebrauch von Millionen von Menschen heraus. Neue Begriffe für neue Erfindungen entstehen, weil wir sie brauchen. Jugendsprache wie „Digga“ oder „geil“ entsteht in einer bestimmten Gruppe, setzt sich durch oder verschwindet wieder. Das ist Evolution.
Was wir beim Gendern mit Sonderzeichen erleben, ist keine Evolution. Es ist ein geplanter Eingriff. Eine künstliche Veränderung, die von einer kleinen, akademisch-medialen Elite von oben herab durchgesetzt werden soll. Es ist kein natürliches Wachstum, sondern ein ideologisch motiviertes Experiment, das an der lebendigen Sprache vollzogen wird. Und genau das meine ich: Unsere gemeinsame Sprache darf nicht zum Labor für soziale Experimente einiger weniger werden.
Wer überlässt wem das Feld?
Du argumentierst, ich solle die Menschen doch experimentieren lassen und es einfach ignorieren. Wenn ich das tue, was passiert dann? Dann überlasse ich das Feld kampflos denjenigen, die unsere Sprache verkomplizieren, verzerren und mit ideologischem Ballast überfrachten.
Wenn die schweigende Mehrheit, die diese Gender-Formen ablehnt (und Umfragen zeigen immer wieder, dass das die Mehrheit ist), einfach nichts tut, dann wird die Sprache schleichend verändert. Dann wird aus einer Empfehlung ein Standard und aus einem Standard eine soziale Pflicht. Das Ignorieren ist hier keine neutrale Haltung, es ist eine passive Kapitulation. Und ich bin nicht bereit, die Klarheit und Schönheit unserer Sprache aufzugeben, nur weil es bequemer ist, zu schweigen.
Wer ist hier die Sprachpolizei?
Du sprichst von „1984“ und einer „Sprachpolizei“, die ich angeblich fordere. Schauen wir uns doch die Realität an: Ich fordere kein Verbot. Ich rufe zur Entscheidung auf. Zu einer bewussten Pflege unserer Sprache. Zu dem Recht, verständlich, klassisch und ideologiefrei sprechen und schreiben zu dürfen – ohne Sanktionen, Rechtfertigungsdruck oder Shitstorms.
Der Druck, die „Sprachpolizei“, kommt doch längst von der anderen Seite! In Universitäten, Behörden, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in vielen Unternehmen wird die Verwendung von Gender-Stern und Co. zur Voraussetzung für gute Noten, beruflichen Erfolg und soziale Anerkennung gemacht. Wer es nicht tut, wird als „gestrig“ oder „ignorant“ gebrandmarkt. Das ist die wahre Einschränkung der Freiheit. Die Freiheit, sich klar und unmissverständlich auszudrücken, ohne bei jedem Wort ein ideologisches Bekenntnis ablegen zu müssen.
„Die Leser“ – exklusiv männlich?
Ein letztes Wort zur Formulierung „die Leser“ (als Bsp.).
Du meinst, das sei nicht inklusiv, sondern meine nur Männer. Aber das stimmt so nicht.
Grammatikalisch ist „Leser“ das sogenannte generische Maskulin.
Das bedeutet: Es bezeichnet nicht nur Männer, sondern alle Menschen, die lesen – Frauen, Männer, Divers. Es ist eine sprachliche Abstraktion, kein Ausschluss. Die allermeisten Menschen wissen intuitiv, dass „die Leser“ auch Frauen meint – so wie „die Autofahrer“ nicht nur männlich sind oder „die Kunden“ nicht nur Bartträger.
Wer sich davon ausgeschlossen fühlt, hat vielleicht weniger ein sprachliches als ein ideologisches Problem!
Fazit
Ich will niemandem vorschreiben, wie er oder sie sprechen soll. Aber ich will auch nicht, dass mir Vorschriften gemacht werden.
Mein Text war kein Ruf nach Verboten, sondern ein Plädoyer für die Freiheit – die Freiheit, unsere Sprache klar, verständlich und unaufgeregt zu verwenden. Ohne Sternchen, Doppelpunkte oder Wortakrobatik. Und ohne jedes Mal ein ideologisches Bekenntnis ablegen zu müssen.
Danke für deinen Beitrag, Thomas. Die Diskussion ist wichtig – aber wir werden hier wohl nicht auf einen Nenner kommen. Und das ist okay. 😉
Foto von Tim Mossholder auf Unsplash
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