X ist kein Sumpf – es ist ein Spiegel
Vor ein paar Tagen bin ich über einen Kommentar von Herr Tommi gestolpert, der über das „Flagge zeigen“ auf X (früher Twitter) schrieb. Er lehnt das entschieden ab – zu viel Hass, zu viel Frust, zu viel mentale Belastung. Ich verstehe das gut. Wer sich jahrelang gegen Hasskommentare stemmt, wer versucht, mit Vernunft und Empathie gegen die lautesten Stimmen der Wut anzureden, kann daran zerbrechen.
Und doch sehe ich das anders.
Nicht das Netzwerk ist das Problem
Ich glaube nicht, dass X, Facebook oder ähnliche Plattformen „Jauchegruben“ sind. Sie sind Spiegel. Spiegel unserer Gesellschaft, unserer Diskurse, unserer Brüche.
Wenn dort Hass sichtbar wird, dann nicht, weil die Plattform ihn erzeugt – sondern weil er da ist. X ist keine Parallelwelt, sondern eine verdichtete Version unserer Realität.
Wer X verlässt, weil er den Hass nicht mehr sehen will, hat jedes Recht dazu. Aber zu sagen, das Netzwerk sei der Hass, ist mir zu kurz gedacht. Es ist wie, wenn man den Spiegel zerschlägt, weil einem das eigene Spiegelbild nicht gefällt.
Die Bubble ist immer persönlich
Was wir sehen, hängt stark davon ab, wem wir folgen. Ich lese auf X über Technologie, KI, Journalismus, ein paar politische Stimmen von links bis rechts – und dazwischen jede Menge kluger, sachlicher Menschen. Natürlich tauchen manchmal die Extremisten auf, die Fanboys, die Unverbesserlichen. Aber das ist Teil des Netzes – und des Lebens. Ich kann blocken, stummschalten oder einfach weiterscrollen.
Wer seine Timeline als „toxisch“ erlebt, erlebt in Wahrheit seine eigene Auswahl. Unsere Bubbles sind selbstgebaut. Und sie können genauso inspirierend wie belastend sein – je nachdem, wie wir sie kuratieren.
Die Welt ist gerade laut
Vielleicht kommt uns das Netz derzeit schlimmer vor als früher, weil die Welt gerade schlimmer ist. Krisen, Kriege, politische Extreme – das alles spiegelt sich eben auch auf X wider. Und wer sensibel für Sprache, Stimmung und Debatte ist, spürt das stärker.
Aber X hat für mich immer noch denselben Wert wie früher: Es ist schnell, direkt, ungefiltert. Es informiert mich über Themen, die in klassischen Medien kaum vorkommen. Es verbindet mich mit Menschen, die ich sonst nie „treffen“ würde.
Mein Fazit
Ich bleibe. Nicht, um „Flagge zu zeigen“. Nicht aus Trotz oder Idealismus. Sondern, weil ich X immer noch als nützlich empfinde.
Wer gehen will, soll gehen. Wer bleibt, soll bleiben. Aber X ist nicht kaputt. Es ist nur das, was wir daraus machen.
Trotz des gemeldeten Rückgangs aktiver Nutzer nach der Übernahme und Umbenennung in X ist die Plattform keineswegs „tot“, denn sie verzeichnet laut aktuellen Schätzungen immer noch zwischen 220 und 240 Millionen täglich aktive Nutzer und über 450 Millionen monatlich aktive Nutzer weltweit. Aufgrund dieses enormen Umfangs und ihrer Geschwindigkeit bei der Verbreitung von Nachrichten, Meinungen und aktuellen Ereignissen bleibt X eine unverzichtbare und relevante globale Plattform für Politik, Journalismus und öffentlichen Diskurs.
Titelfoto von Dima Solomin auf Unsplash
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