Vom „Nie wieder ist Jetzt“ zum „Was gibt’s heute vom Grill?“
Erinnerst du dich noch an diese furchtbar ernste Zeit vor ein paar Wochen und Monaten? Als gefühlt halb Deutschland plötzlich Historiker, Aktivist, Demokratieretter und Widerstandskämpfer in einem war – natürlich alles digital.
Das Internet voll von warnenden Stimmen. Die Bloggéria schlug Alarm: „Nie wieder ist jetzt!“, „1933 lässt grüssen!“, „Die Demokratie ist in Gefahr!“ Man empörte sich, schwang die moralische Keule, rückte jeden Kritiker der deutschen Talfahrt in die Nähe dunkler Ideologien. Wer wagte, Fragen zu stellen oder Probleme zu benennen, wurde vorsorglich mit einem digitalen Bannfluch belegt – Nazikeule inklusive. Grüsse gehen raus an Bln41 und Assbach …und andere Eintagsfliegen.
Und heute?
Heute ist Grillwetter. Fussball steht vor der Tür. Der RSS-Feed riecht nach Bratwurst, nicht nach Widerstand. Dieselben Leute, die eben noch mit bebender Stimme virtuelle Fackeln für die Demokratie entzündet haben, posten jetzt die perfekte Grillmarinade und Bundesliga-Rückblicke. Von „Nie wieder“ keine Spur mehr – Alltag, Sommer, Ablenkung. Als wäre nichts gewesen.
Was ist geschehen? Wurde das Problem gelöst? Hat sich die politische Lage grundlegend entspannt? Natürlich nicht. Nur der Aufmerksamkeitsfokus hat sich – wie immer – verflüchtigt.
Es stellt sich die Frage: War das alles echtes politisches Engagement oder nur ein bequemes Mitfühlen von der Couch aus? Schreibtisch-Aktivismus, solange es nicht zu ungemütlich wird? Moral als Hobby, Demokratie als Event?
Aktivismus im Sommermodus – politisch tief betroffen, aber bitte nur bis spätestens 18 Uhr. Dann läuft das Viertelfinale. Wer jetzt nicht mehr laut ist, war vielleicht nie wirklich bei der Sache.
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