Vom Beamten zum Bonus – wie ein Digitalstratege zum Profiteur wurde
Manchmal liest man etwas und denkt: Das darf doch nicht wahr sein. Aber dann merkt man – es ist nicht nur wahr, es ist auch symptomatisch. Für ein System, das Kontrolle vorgibt, aber längst selbst die Orientierung verloren hat.
Heute muss ich mal wieder was loswerden. Du erinnerst dich sicher noch an die Corona-Warn-App. Das Ding, das uns alle schützen sollte und als digitaler Meilenstein für Deutschland gefeiert wurde. Aber hast du dich je gefragt, was aus der ganzen Sache eigentlich geworden ist? Und wer daran verdient hat? Die Geschichte, die dahintersteckt, fühlt sich leider an wie ein klassischer Polit-Krimi. Und sie hinterlässt bei mir ein ziemlich ungutes Gefühl.
Erst der Staat, dann der fette Job
Im Zentrum der ganzen Sache steht ein Name, den ich vorher auch nicht kannte: Gottfried Ludewig. Der Mann war damals im Gesundheitsministerium der Chef für Digitalisierung und somit hauptverantwortlich für die Warn-App.
Mitten in der grössten Krise seit Jahrzehnten musste es ja schnell gehen. So schnell, dass man kurzerhand auf die übliche öffentliche Ausschreibung für ein solches Millionen-Projekt verzichtet hat. Der Auftrag ging direkt an SAP und die Telekom-Tochter T-Systems. Begründung: Notstand. Klar, muss man verstehen. Oder?
Das Ergebnis: Aus den ursprünglich geplanten 20 Millionen Euro wurden bis heute über 214 Millionen Euro. Zweihundertvierzehn. Millionen. Euro. Unser aller Steuergeld. Für Server, Hotlines und Updates. Ein Wahnsinn.
Und die Pointe?
Jetzt kommt der Teil, bei dem ich nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Ende 2021 verlässt ebenjener Gottfried Ludewig seinen Posten im Ministerium. Und wohin wechselt er? Du ahnst es schon: Er heuert als Führungskraft bei T-Systems an. Genau bei dem Konzern, dem er kurz zuvor ohne Wettbewerb einen der grössten Tech-Aufträge der Bundesrepublik zugeschanzt hat.
Man möchte schreien, oder? Aber halt, es ist alles total legal. Herr Ludewig war ja „nur“ ein hoher Beamter und kein Minister. Deswegen gilt die Regel zur „Karenzzeit“, die einen direkten Wechsel von der Politik in die Wirtschaft verhindern soll, für ihn nicht. Das ist kein Witz. Ein cleverer Schachzug in einer rechtlichen Grauzone, würde ich sagen. Der Mann, der die Verträge gestaltet, wechselt einfach auf die Seite des Profiteurs – ausgestattet mit allem Insiderwissen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Das grosse Schweigen und die bequeme Amnesie
Und heute? Die App ist im „Schlafmodus“. Jens Spahn, der das damals als zuständiger Minister politisch durchgedrückt hat, schweigt dazu beharrlich – er war vermutlich auch mit der Aufarbeitung seiner lukrativen Masken-Deals beschäftigt. Von den anderen Verantwortlichen hört man ebenfalls nichts. Die Webseite der App (coronawarn.app) führte zwischenzeitlich – und das ist die bitterste Pointe von allen – auf eine Online-Poker-Seite. Wenn das nicht symbolisch ist, was dann?
Am Ende bleibt für mich nicht nur die Geschichte einer sündhaft teuren App. Es ist dieses Gefühl der kompletten Ohnmacht. Du siehst, wie die Dinge laufen, aber es passiert einfach: nichts. Niemand muss sich ernsthaft rechtfertigen, niemand muss Konsequenzen ziehen. Transparenz? Fehlanzeige. Verantwortung? Ein Fremdwort. Es ist ein System, in dem die einen die Deals machen und die anderen am Ende die Rechnung zahlen. Und das ist das eigentlich bittere an der ganzen Geschichte.
Was bleibt, ist Schweigen. Von Jens Spahn, Olaf Scholz, Karl Lauterbach. Alle waren irgendwie beteiligt, keiner will’s gewesen sein. Ludewig? Sitzt jetzt gut bezahlt bei der Telekom. Und wir? Zahlen weiter, mit Vertrauen, das längst verspielt wurde.
Die Geschichte der Corona-Warn-App ist keine Randnotiz. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie leicht Kontrolle in Lobbyismus kippt, wie aus „Notstand“ ein Geschäftsmodell wird – und wie wenig Nachfragen manchmal gestellt werden, wenn es bequem ist, nichts zu wissen. Und wie sehr wir offenbar gelernt haben: Verantwortung übernehmen muss keiner mehr.
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