Die Sehnsucht nach dem goldenen Käfig: Wäre ich in der DDR glücklicher?

Heute ist der Tag der Deutschen Einheit – ein Feiertag, der offiziell den Zusammenschluss von Ost und West symbolisiert.

Jedes Jahr um den 3. Oktober herum werde ich nachdenklich. Der Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag, der für mich nie einer war, weil er eine Einheit zelebriert, die in den Köpfen und Herzen vieler Menschen so nie stattgefunden hat. Ich bin Baujahr ’73. Ich habe die DDR noch bewusst erlebt, das Rattern der Trabis, die allgegenwärtige Parole vom sozialistischen Frieden und die stille Gewissheit, dass der eigene Lebensweg in geordneten, sicheren Bahnen verläuft. Ich habe aber auch die BRD kennengelernt, den Rausch der neuen Freiheit, die unendlichen Möglichkeiten. Und vor 19 Jahren habe ich beides hinter uns gelassen und bin in die Schweiz ausgewandert.

Heute führen meine Frau und ich ein materiell komfortables Leben. Wir sind nicht reich im Sinne der Forbes-Liste, sondern normal – aber wir sind finanziell gut aufgestellt für unsere Verhältnisse. Wir haben zwei Autos, ein Motorrad, eine schöne Wohnung und ein kleines Haus in Schweden als Rückzugsort. Wir können uns im Rahmen unserer Wünsche fast alles leisten, was unseren Alltag schöner und freier macht. Wir leben in Freiheit, können reisen, wohin wir wollen, und unsere Meinung* sagen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Wir haben also das erreicht, was viele als finanzielle Souveränität bezeichnen.

Und doch schleicht sich immer wieder diese eine, fast ketzerische Frage in meine Gedanken: Wäre ich eigentlich glücklicher, wenn es die DDR noch gäbe und ich dort leben würde?

Das Paradox des modernen Lebens: Komfort vs. Seelenfrieden

Psychologisch betrachtet ist meine Frage kein Ausdruck von „Ostalgie“ oder einer Verklärung der Diktatur. Es ist vielmehr ein Symptom unserer Zeit. Wir leben in einer globalisierten Welt des permanenten Optimierungsdrucks. Das Gehalt muss steigen, die Immobilie im Wert zunehmen, der Urlaub noch exklusiver sein. Selbst wenn wir, wie wir, ein komfortables Fundament haben, lauert die Angst vor dem Verlust und der Zwang zur ständigen Performance hinter jeder Ecke.

Diese Fülle an Wahlmöglichkeiten, die wir als ultimative Freiheit feiern, ist psychologisch auch eine enorme Belastung. Der „Paradox of Choice“, wie der Psychologe Barry Schwartz es nennt: Eine Überfülle an Optionen führt nicht zu mehr Zufriedenheit, sondern zu Stress, Lähmung und der ständigen Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.

Wenn ich die Augen schliesse, male ich mir manchmal ein alternatives Leben aus: eine einfache Plattenbauwohnung, vielleicht mit einem kleinen Schrebergarten. Ein Job, der vielleicht nicht meine Leidenschaft, aber dafür bis zur Rente absolut sicher ist. Ich hätte wahrscheinlich zwei oder drei Kinder, weil die Zukunft planbar und die Betreuung garantiert gewesen wäre. In der Garage stünde ein alter, selbst reparierter Trabi, der uns zuverlässig zur Datsche und zurück bringt. Und vor allem hätte ich: meine Ruhe.

Die Sehnsucht nach „genug“

Dieses Gedankenexperiment hat nichts mit dem Wunsch nach der Stasi oder Reisebeschränkungen zu tun. Es ist die Sehnsucht nach einem Leben, das nicht von der Jagd nach „mehr“ angetrieben wird, sondern von der Zufriedenheit mit „genug“.

  1. Sicherheit als Seelenfrieden: Die DDR bot eine biografische Planbarkeit, die heute undenkbar ist. Die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem sozialen Abstieg, existierte praktisch nicht. Dieser Mangel an existenzieller Angst ist ein unschätzbarer psychologischer Luxus, den wir heute mit hohem persönlichem Einsatz und ständiger Anspannung bezahlen.
  2. Reduzierte Komplexität: Das Leben war einfacher, weil es weniger Optionen gab. Man musste sich nicht fragen, welcher von 200 Joghurt-Sorten der richtige ist oder ob man sein Geld in Aktien, ETFs oder Kryptowährungen investieren soll. Diese erzwungene Einfachheit schuf mentale Freiräume.
  3. Der Wert der kleinen Dinge: Wenn ein neues Buch, eine Schallplatte oder das Paket aus dem Westen etwas Besonderes waren, lernte man, diese Dinge wertzuschätzen. In unserer Überflussgesellschaft verliert das Materielle schnell an Wert. Der Glücksmoment eines neuen Kaufs verfliegt, kaum dass die Kreditkartenabrechnung da ist – Psychologen nennen das die „hedonische Tretmühle“.

Die Psychologie der „DDR-Gedankenwelt“

Was diese imaginierte DDR-Existenz so verführerisch macht, ist die Abwesenheit der Status-Angst. Es gab keinen Wettlauf um den grössten Pool oder die teuerste Designerküche, weil es diese Dinge schlicht nicht gab. Das war keine Gleichheit im Luxus, sondern Gleichheit im Mangel – und das eliminierte den psychologischen Stress des ständigen Vergleichs mit den Nachbarn oder Kollegen.

Die persönliche Lebensleistung wurde nicht am Aktienportfolio gemessen, sondern an der Verlässlichkeit und der Funktion in der Gesellschaft (guter Handwerker, fleissiger Arbeiter, zuverlässige Kollegin). Die Ziele waren klein, überschaubar und fixiert: eine kleine Datsche, ein Platz im begehrten Ferienlager, der Trabi nach vielen Jahren Wartezeit. Diese Entschleunigung – gezwungen durch Bürokratie und Mangel – führte paradoxerweise zu einer inneren Ruhe. Man verbrachte weniger Zeit mit Entscheiden, Vergleichen und Planen von Karriere-Sprüngen, und mehr Zeit mit dem tatsächlichen Leben: der Familie, dem Garten, der Gemeinschaft.

Ein goldener Käfig?

Natürlich war dieses Leben in der DDR ein Käfig. Ein vielleicht für manche bequemer, warmer, goldener Käfig, aber eben doch einer. Die Mauer und Zäune waren real. Die Freiheit des Denkens und des Reisens war massiv eingeschränkt. Und das ist ein Preis, den ich heute nicht mehr zahlen wollte.

Meine Frage ist also nicht wirklich eine politische. Es ist eine zutiefst menschliche. Ist der Mensch für diese unendliche Freiheit und den damit verbundenen permanenten Konkurrenz- und Entscheidungsdruck gemacht? Oder sehnen wir uns insgeheim nach klaren Strukturen, nach einem überschaubaren Leben, in dem Gemeinschaft und Sicherheit einen höheren Stellenwert haben als individuelle Selbstverwirklichung und materieller Komfort?

Ich habe keine Antwort darauf. Aber die Tatsache, dass ich mir diese Frage stelle – hier in meinem komfortablen Leben in der Schweiz – zeigt mir, dass materieller Komfort und echtes Glück zwei fundamental unterschiedliche Dinge sind. Manchmal, glaube ich, liegt das Glück nicht in der Freiheit, alles haben zu können, sondern in dem Frieden, genug zu haben.


*formal, gesetzlich gesichert

Die Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Meinungsfreiheit in Deutschland hat folgende Entwicklung gezeigt:

  1. Höhepunkt: In den 1980er und 1990er Jahren gaben 80 bis 90 % der deutschen Bevölkerung an, dass sie ihre Meinung in Deutschland durchaus frei sagen könnten.
  2. Aktuelles Ergebnis (2023): Die Werte sind stark abgerutscht. Mittlerweile glaubt mehr als die Hälfte der Bevölkerung oder gibt in der Umfrage an, dass man in Deutschland nicht frei seine Meinung sagen kann, sondern dass man vorsichtig sein und sich gut überlegen sollte, was man sagt.

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