„Natürlich künstlich“: Wenn Marketing-Trends die Nachhaltigkeit fressen
Habt ihr es gesehen? Natürlich habt ihr. Der LinkedIn-Algorithmus wurde diese Woche geflutet. Graubünden Ferien hat stolz verkündet, sie hätten einen Trend „gekickstartet“.
Die Idee: Eigene Emojis für den Kanton. Steinböcke, Bündnerfleisch, Capuns. Der Erfolg: 100.000 Reichweite, virale Verbreitung, über 50 Nachahmer-Firmen in 24 Stunden. Das Fazit der Macher: „Wir zeigen, dass wir Social Media verstehen.“ Und alle so: YEAH!
Und ganz am Ende des Jubel-Posts der entscheidende Satz, fast beiläufig: „Natürlich künstlich erstellt. 🤖“
Und genau da müssen wir mal kurz die Pausetaste drücken!
Die Ironie des „Natürlich Künstlichen“
Graubünden verkauft uns Natur. Berge, frische Luft, Nachhaltigkeit, „Swisstainable“. Das ist ihr Kernprodukt. Und um zu beweisen, dass man „Social Media versteht“, wirft man Generative KI an – eine Technologie, deren massiver Energiehunger und CO₂-Fussabdruck mittlerweile hinlänglich bekannt sein sollte.
Man feiert sich dafür, dass 50 andere Organisationen auf den Zug aufgesprungen sind. Das heisst: 50 Marketing-Teams sassen am Rechner, haben Prompt um Prompt abgeschickt, Varianten verworfen, neu generiert – nur um für einen Tag „relevant“ zu sein.
Ist das „Social Media verstehen“? Oder ist das einfach nur „den Algorithmus füttern“? Was ist Social Media heutzutage noch? Welchen Sinn und Wert hat es überhaupt noch!?
Reichweite vs. Verantwortung
Ich bin der Letzte, der gegen Reichweite ist. Aber „Work Smarter“ heisst für mich auch: Ressourcen sinnvoll einsetzen.
Wenn wir digitale Kommunikation ernst nehmen – gerade im Jahr 2025 –, dann können wir Nachhaltigkeit nicht nur auf Hochglanzbroschüren drucken. Wir müssen sie auch im Digitalen leben. Eine Welle von „AI Slop“ loszutreten – also visuellem Fast-Food, das kurz schmeckt, keinen Nährwert hat und Müll hinterlässt – ist vielleicht kurzfristig gut für die KPI-Tabelle im Marketing-Meeting. Aber es ist verdammt kurzsichtig.
Innovation oder nur schnelleres Kopieren?
Im Post geben die Macher selbst zu: „Inspiriert von Betty Bossi“. Die „Innovation“, für die man sich feiert („Trends früh erkennen“), bestand also darin, eine Idee schnell zu kopieren und mit KI zu skalieren. Das ist legitim im Marketing, versteht mich nicht falsch. Aber es als Beweis für digitale Exzellenz zu verkaufen, während man gleichzeitig eine Lawine an energieintensivem Wegwerf-Content auslöst? Puh.
Mein Wunsch: Mehr „Natürlich“, weniger „Künstlich“
Wisst ihr, was wirklich viral gehen würde? Echtheit. Wenn Graubünden Ferien echte Fotos von echten Menschen, echten Tieren und echtem Essen postet. Oder wenn ein Grafiker / eine Grafikerin (ein Mensch!) diese Emojis mit Liebe zum Detail baut. Das dauert länger. Das ist teurer. Aber es ist wertschöpfend.
Dieser Trend zeigt mir vor allem eines: Wir sind immer noch viel zu leicht von blinkenden Lichtern und hohen Like-Zahlen zu beeindrucken. Lasst uns mal wieder über Werte reden. Und darüber, ob wir den Planeten wirklich für ein paar fiktive Emojis aufheizen wollen.
Was meint ihr: Spielverderber-Modus oder berechtigte Kritik?
P.S.: Erinnert ihr euch an diesen absurden Hype, sich per KI als Actionfigur in Plastikbox generieren zu lassen? Ein Paradebeispiel für digitalen Sondermüll. Aber hey, war ja wahnsinnig witzig – für genau fünf Minuten.
Kommentare: 0
Kommentare sind geschlossen.