Minimalismus vs. Erinnerungsspeicher: Warum ich an meinem Wechsel zu Yellow zweifle
Eigentlich war der Plan in Stein gemeisselt. oliverswelt.de sollte sich verändern. Weg von der komplexen Datenbank, hin zu purer Einfachheit. Mein Ziel war die Migration auf die minimalistische Plattform "Yellow". Ich wollte Ballast abwerfen, alles in Markdown giessen und mich auf das Wesentliche konzentrieren.
Die Sehnsucht nach "Einfach Text und gut"
Was mich an Yellow und dieser Art minimalistisch zu bloggen so fasziniert, ist die Freiheit vom optischen Ballast. In WordPress ertappe ich mich oft dabei, wie ich ewig nach dem perfekten Titelbild suche. Wie sieht es in der Übersicht aus? Passt der Ausschnitt? Harmoniert es mit den anderen Kacheln?
Bei Yellow fällt das weg. Ich muss mir keine Gedanken über ein Titelbild machen. Kein Layout-Stress, keine Design-Entscheidungen vor dem Publizieren. Einfach Text tippen und gut. Diese Unmittelbarkeit ist genau das, was ich eigentlich wollte.
Wenn Bilder aber mehr als nur Deko sind
Doch während ich in den letzten Tagen intensiv daran gearbeitet habe, das WordPress-Archiv für Yellow vorzubereiten, hat mich die Realität eingeholt. Beim Sichten der Beiträge ist mir eines schmerzlich bewusst geworden: Ich schreibe nicht nur Text. Mein Blog ist extrem bildlastig. Die Fotos sind keine Lückenfüller, sie sind tragende Säulen meiner Geschichten.
Ich habe mich dabei ertappt, wie ich selbst durch die alten Zeiten geklickt habe. Und genau dieses "Klicken", dieses Treibenlassen durch den Kontext, ist das, was WordPress so verdammt gut kann – und was mir bei einer rein minimalistischen Flat-File-Lösung fehlen würde.
Der Blog als Kontext-Maschine
Ein perfektes Beispiel ist unsere Chinareise vor sechs Jahren. Das ist nicht einfach nur ein Reisebericht; es ist eine vernetzte Erinnerung. Durch die interne Verlinkung in WordPress bleibt der Kontext erhalten. Man liest einen Artikel, sieht ein Bild, klickt auf einen Querverweis und ist sofort tiefer in der Geschichte.
Ähnlich verhält es sich mit meiner sehr persönlichen Reise – vom Zustand der Lähmung hin zum Leben im Rollstuhl. Das ist eine Dokumentation, die aufeinander aufbaut. Auch meine Leidenschaft für HiFi, HighEnd und Musik als ganzes ist über die Jahre organisch gewachsen und im Blog nachvollziehbar verknüpft.
In Yellow ist diese Art des Surfens, des Recherchierens und Präsentierens kaum möglich. Die Struktur ist oft zu flach, zu linear.
Mein persönliches Wikipedia
Ich habe realisiert, dass ich oliverswelt.de nicht nur für euch schreibe, sondern auch für mich. Ich nutze meinen eigenen Blog als Suchmaschine für die letzten 13 Jahre. Er ist ein Nachschlagewerk meiner Erinnerungen.
- "Wann war das nochmal mit dem neuen Verstärker?"
- "Wie sah das Hotel in Peking aus?"
- "Was habe ich damals gefühlt, als ich den ersten Fortschritt in der Reha machte?"
Ein kurzer Suchbegriff in WordPress, und die Antwort ist da – visuell aufbereitet. Würde ich das aufgeben, würde ich den Schlüssel zu meinem eigenen digitalen Gedächtnis verlieren.
Der Kompromiss: Minimalismus im Frontend, Power im Backend?
Jetzt stehe ich hier und weiss ehrlich gesagt nicht, was ich machen soll. Der Wunsch nach technischer Schlichtheit und dem "Einfach Text und gut"-Gefühl ist immer noch da. Aber der Preis, mein Archiv zu "kastrieren", scheint mir gerade zu hoch.
Vorhin habe ich ein Experiment gewagt: Ich habe ein extrem minimalistisches Theme für WordPress ausprobiert. Keine Sidebar, kein Schnickschnack, fast wie eine reine Textwüste – aber mit der vollen Datenbank-Power im Hintergrund. Das wäre der Mittelweg: Weg vom überladenen Auftritt, hin zur visuellen Ruhe, aber ohne die Historie zu zerstören.
Jetzt seid ihr dran: Kennt ihr diesen Zwiespalt? Sollte ich der Einfachheit beim Schreiben den Vorrang geben und zu Yellow wechseln, oder das mächtige Archiv von WordPress behalten und nur die Optik radikal reduzieren?
Ich bin gespannt auf eure Meinung.
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