Freunde – und warum wir sie manchmal verlieren (7)

Zwischen den Welten

Manche Begegnungen kommen leise in dein Leben. Keine grossen Gesten, keine langen Geschichten – aber sie bleiben im Kopf.
So war das mit einer Chinesin, die Deutsch an einer chinesischen Universität unterrichtet – und mir Chinesisch beibringen sollte.

2019 war ich in China. Eine Reise, die mich bis heute geprägt hat. Eine weitere war geplant, und ich hatte den Wunsch, die Sprache und die Kultur zumindest ein Stück weit zu verstehen. Dann kam Corona – und wie so vieles in dieser Zeit verlief auch dieses Vorhaben im Sande.

Mit Walli verband mich dennoch eine Weile ein regelmässiger Austausch – auf WeChat, dem chinesischen Pendant zu WhatsApp. Es war persönlich, freundlich, offen und interessant. Ich mochte ihre Sicht auf die Welt, ihre Struktur, ihren Rhythmus und die Gemeinsamkeiten sowie der Einblick in die Welt Chinas. Irgendwann deinstallierte ich mit Ankündigung WeChat. Aus Gründen. Und mit der App verschwand auch der Kontakt.

Aber ich wollte den Faden nicht einfach abreissen lassen. Also schrieb ich ihr eine E-Mail – ein bewusster Schritt, langsamer, persönlicher.

Die Antwort, die kam, war höflich. Aber auch ernüchternd:

Danke für Deine Email und Nachfrage.
Ich entschuldige mich für die Schreibfaulheit, muss jedoch mal erklären.
Wir sind in einem Zeitalter, wo man alles in diesem Moment erlebt und erledigt. Ich zum Beispiel habe tagsüber Unterricht, Besprechung mit Studenten, abends Sport. Das Zeitalter, wo man durch Briefe oder das Schreiben eine Freundschaft pflegt, stirbt allmählich aus. Wenn Du mich nach dem Frühlingsfest mit meinen Eltern fragst, da muss ich Erinnerungsliteratur schreiben. Das ist mir … schwer

.Also Oliver, das ist meine Erklärung oder Interpretation. Sorry und tut mir leid.“.

Ich habe ihre Worte lange auf mich wirken lassen. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir: Der Wille, den Kontakt aufrechtzuerhalten, war einfach nicht mehr da.
Was für mich eine bewusste Geste war – ein Zeichen von Wertschätzung und Interesse –, schien für sie nur noch eine zusätzliche Belastung zu sein. Alles, was einmal da gewesen war, schien keinen wirklichen Wert mehr zu haben.

Meine Antwort fiel entsprechend ruhig, aber ehrlich aus:

Du schreibst, das Zeitalter, in dem man durch Briefe oder Schreiben eine Freundschaft pflegt, sterbe allmählich aus. Vielleicht. Aber ich glaube, ob etwas stirbt oder nicht, liegt letztlich an uns selbst. Ich für meinen Teil halte viel davon, Gedanken in Worte zu fassen, gerade weil es langsamer ist – und dadurch bewusster. Natürlich verändert sich Kommunikation, und das ist in Ordnung. Aber ich finde, manche Dinge dürfen auch bleiben, gerade weil sie mehr Tiefe haben. Deswegen schreibe ich dir. Auch weil ich gerne an deinem ‚anderen‘ Leben teilhaben möchte.

Es kam keine Antwort mehr.

Und damit war alles gesagt.
Auch das Schweigen ist eine Antwort.


Fazit

Manche Begegnungen sind schön in ihrer Zeit. Aber sie halten nicht darüber hinaus.
Es tut weh, das zu erkennen. Aber vielleicht gehört auch das zu Freundschaft: zu wissen, wann es Zeit ist, loszulassen.

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