Die Reise der Generationen: Mit „Chrysalis“ in die Unendlichkeit
Stell dir vor, du lebst auf einem Raumschiff. Es ist 58 Kilometer lang, hat eigene Wälder, Krankenhäuser und Schulen. Und du weisst, dass du das Ziel nie erreichen wirst. Genauso wenig wie deine Eltern. Erst deine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel werden dort ankommen.
Willkommen an Bord von Chrysalis, einem Generationenschiff, das die Menschheit zum 4,34 Lichtjahre entfernten Sternensystem Alpha Centauri bringen soll.
Ein spektakuläres Konzept, das dem legendären „Project Hyperion“ entstammt. Doch obwohl Chrysalis heute noch eine Zukunftsvision ist, hat die Idee des Generationenschiffs die Science-Fiction-Welt schon seit Langem erobert.
Generationenschiffe in Film und Literatur
Das Konzept eines Riesenschiffs, das über Jahrhunderte durchs All fliegt, ist ein dankbarer Stoff für Science-Fiction-Storys, da es oft existenzielle Fragen und soziale Spannungen in den Vordergrund rückt.
- Die lange Reise: Eines der ersten und bekanntesten Beispiele ist Robert A. Heinleins Roman „Orphans of the Sky“ (deutsch: „Die lange Reise“). Hier haben die Nachfahren der ursprünglichen Crew vergessen, dass sie sich auf einem Raumschiff befinden, und betrachten es als ihr ganzes Universum. Sie glauben an eine flache „Welt“ und kämpfen gegen Mutationen an Bord.
- Moderne Neuinterpretationen: Auch in der neueren Science Fiction taucht das Thema immer wieder auf. Der Film „Voyagers“ von 2021 zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die auf einem Generationenschiff geboren und aufgezogen werden. Als sie die Wahrheit über ihre Mission entdecken, bricht Chaos aus. Die Serie „The Orville“ griff das Thema in einer Folge auf, in der die Crew ein seit Jahrtausenden verlassenes Generationenschiff findet und dessen Geschichte entschlüsselt. Auch der Film „Passengers“ (2016) befasst sich mit der enormen Reisezeit, wenn auch nicht über Generationen, sondern mit Menschen in Stasiskapseln.
- Eine Welt in sich: Das Herzstück dieser Geschichten ist die Frage, wie sich eine geschlossene Gesellschaft über Hunderte von Jahren entwickelt. Die Autoren müssen sich mit künstlicher Gravitation (wie bei Chrysalis durch Rotation), autarken Systemen und der psychologischen Belastung auseinandersetzen. Sie beleuchten, wie Kulturen entstehen, Religionen sich bilden und wie die Erinnerung an die Erde langsam verblasst.
Der psychologische Aspekt: Das Erbe der Pioniere
Die grösste Herausforderung für ein Projekt wie Chrysalis liegt nicht in der Technik, sondern in der menschlichen Psyche. Während die Lebenserwartung bei 80 Jahren oder mehr liegen könnte, liegt der durchschnittliche Abstand zwischen den Generationen (Eltern bis Kinder) bei nur etwa 25 bis 30 Jahren. Bei einer Reise von 400 Jahren wären also nicht nur vier, sondern etwa 13 bis 16 Generationen an Bord. Das macht das psychologische Experiment noch komplexer:
- Generation 1: Die Pioniere. Sie opfern ihr Leben für eine Vision, die sie selbst nie erleben werden. Sie müssen eine Gesellschaft aufbauen und die Erinnerung an die Erde lebendig halten.
- Generation 2 bis 15: Die Bewahrer und die Vergessenden. Für diese Generationen ist das Schiff das einzige Zuhause, das sie je kannten. Der Mythos der Erde verblasst mit jeder Generation, was zu Sinnkrisen, Rebellion und dem Verlust des ursprünglichen Ziels führen kann.
- Generation 16: Die Ankommer. Sie tragen die Last von Hunderten Jahren Hoffnung und Erwartung. Wie werden sie sich fühlen, wenn sie ankommen, und was geschieht mit ihrer Identität, wenn sie das Schiff verlassen, das ihr gesamtes Erbe ausmacht?
Chrysalis: Science-Fiction, die Realität werden könnte?
Der Entwurf von Chrysalis liest sich wie eine Bauanleitung für ein solches Science-Fiction-Schiff. Die Idee der „mehreren Schichten“ für Nahrungsproduktion, Wohnbereiche und Industrie ist eine logische Konsequenz der Selbstversorgung. Auch die Planung, die erste Crew 70 bis 80 Jahre in einer abgeschotteten Station in der Antarktis vorzubereiten, zeigt, wie ernsthaft diese Vision durchdacht wurde.
Die grösste Hürde bleibt jedoch die Technologie. Wie der Artikel schon sagt, sind Kernfusionsreaktoren für die Energieversorgung noch Zukunftsmusik. Aber das ist ja das Schöne an Science Fiction und an Projekten wie Chrysalis: Sie regen unsere Fantasie an und zeigen uns, welche unglaublichen Dinge möglich werden, wenn wir die Grenzen des Machbaren weiter verschieben. Wer weiss, vielleicht starten in 400 Jahren wirklich die Nachfahren von heute zu den Sternen, um eine neue Heimat zu finden.
www.forschung-und-wissen.de/nachricht…
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