Der 3. Oktober naht: Warum ich gerade jetzt von „Weissensee“ gefesselt bin

Du kennst das sicher: Man stolpert über eine Serie, eigentlich nur so zum Reinschnuppern, und plötzlich sind vier Tage vorbei, die Nächte kurz und man hängt mit den Nerven bei Staffel 4. Genau das ist mir passiert, und zwar mit der deutschen Produktion „Weissensee“.

Ich weiss, die Serie ist nicht brandneu, aber die Tatsache, dass sich gerade der 3. Oktober nähert, hat mir einen echten Schub gegeben. Und ich sage Dir: Das ist kein Zufall. „Weissensee“ ist die Serie, die man sehen muss, um das komplizierte, schmerzhafte, aber auch zutiefst menschliche Drama der späten DDR wirklich zu begreifen.

Vergiss die Geschichtsstunde: Das ist Familiendrama pur

Oft denkt man bei DDR-Filmen sofort an Tristesse oder reine Stasi-Abrechnung. „Weissensee“ ist anders. Die Autorin Annette Hess hatte wohl grosse amerikanische Vorbilder wie „Die Sopranos“ im Kopf. Es geht nicht primär um die grosse Politik, sondern darum, wie das System – die Stasi, die Partei – bis in die Küche, das Schlafzimmer und das Gewissen einer Familie kriecht.

Im Zentrum steht der Clan Kupfer: eine eingefleischte Stasi-Dynastie. Und dann gibt es die Hausmanns, die systemkritische Künstlerfamilie. Als sich der VP-Polizist Martin Kupfer in die unangepasste Julia Hausmann verliebt, explodiert die Bombe. Es ist ein emotionales Schlachtfeld, auf dem Liebe gegen Ideologie antritt. Diese Familiensaga ist so dicht und intensiv, dass man fast vergisst, dass die Berliner Mauer überhaupt existiert – bis sie eben doch alles entscheidet.

Der Faktor Falk: Der Mann, der mir Gänsehaut macht

Der absolute Wahnsinn in dieser Serie ist die Figur des Falk Kupfer, gespielt von Jörg Hartmann. Falk, Martins älterer Bruder, ist ein skrupelloser Stasi-Offizier. Normalerweise wäre er der eindimensionale Bösewicht. Aber hier liegt der Kniff: Hartmann hat es geschafft, Falk nicht als Monster darzustellen, sondern als zähen, verbissenen Gläubigen. Er glaubt an dieses System, es ist sein Leben, seine Identität, seine Sicherheit. Er kämpft nicht nur gegen Dissidenten, sondern gegen den Zerfall seiner eigenen Welt. Das macht ihn so realistisch und beängstigend zugleich. Du siehst in seinen Augen nicht nur Bosheit, sondern auch die tragische Verzweiflung eines Mannes, dessen Überzeugungen zerbrechen, während er versucht, sie mit aller Macht zu verteidigen. Er ist der wahre Antagonist, weil er so menschlich und überzeugend verblendet ist.

Die Authentizität der Angst

Was mir besonders aufgefallen ist: Es geht weniger um die perfekte Tapete oder das korrekte Kennzeichen. Es geht um die emotionale Authentizität. Die Macher haben das Lebensgefühl der späten DDR eingefangen:

  • Die unterdrückte Sehnsucht.
  • Die Stagnation, die alles erstickt.
  • Die Ahnung, dass etwas Grosses passieren muss.

Diese „bleierne Zeit“ spürst Du als Zuschauerin oder Zuschauer in jeder Szene, in jedem Blickwechsel. Es ist ein intimer, differenzierter Blick, der im Ausland oft als tiefer und nuancierter gelobt wurde als manch grosser Kinofilm. Es zeigt die Menschen nicht nur als Opfer oder Täter, sondern in all ihren Graustufen.

Fazit: Muss man gesehen* haben!

Ich bin jetzt mitten im Chaos von 1989/1990 und fiebere der finalen Abrechnung entgegen. Wenn Du eine Serie suchst, die Dich fesselt, die Dich emotional fordert und die Dir einen ehrlichen Blick in die Seelen der Menschen in diesem verschwundenen Land gewährt – dann ist „Weissensee“ Pflichtprogramm, gerade in diesen Tagen rund um unseren Nationalfeiertag.

*Auf Dailymotion kannst du die Serie gratis anschauen.

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